Hautnahe Aktmalerei von Norbert Wientzkowski
in der
Galerie "erotic art"
Ein bisschen aufgeregt ist er schon, gibt
Norbert Wientzkowski zu. Vor aller Augen zu malen, stört ihn nicht.
"Doch das Blatt muss stimmen. Und ich will die Figur möglichst
in einer Linie zeichnen", sagt der 62-jährige diplomierte Grafiker
aus Halle. Von Zuschauern umringt steht er im Kunstkeller der Galerie
"erotic art" am Tisch, vor sich ein braunes Blatt Papier, ein
Tintenfass und zückt den Pinsel. Eigentlich ist er ja gelernter Gebrauchsgrafiker.
Von ihm stammmen so bekannt Werbeverpackungen aus DDR-Zeiten wie für
"Orwo Magnetband" oder der einst überall auf den Autobahnen
prangende Schriftzug "Plaste und Elaste aus Schkopau". Später
zeichnete Wientzkowski für Modezeitschriften, ehe er sich ganz der
erotischen Malerei zuwandte.
In wenigen, hauchzarten und kraftvollen Strichen bannt er gefühlreiche
Körperlichkeit auf Papier in Bleistift- und Pinselzeichnungen, Radierungen,
auch auf bemalte Fliesen und Airbrusharbeiten. Frauenakte, in ruhenden
und bewegten Posen, sehnsüchtig mit Zigarette oder Schmusekater,
liebevolle Paare sind auf den Blättern zu sehen.
Die Zeichnungen, die bereits in elf Kalendern erschienen, entstehen oft
aus der Fantasie. "Doch nach Modell zu zeichnen, ist reizvoller als
aus dem Gedächtnis", sagt Norbert Wientzkowski, "da dabei
Zufälligkeiten einfließen und das Sehen geschult wird."
Vor seinen Bildern, die er erstmals in Dresden unter dem Titel "Erotische
Impressionen" ausstellt - erhältlich auch in Buchform - konnten
ihm die Besucher zur Eröffnung der Schau hautnah zuschauen. Aktmodell
Janett, 21 Jahre, tantzt, lässt ihr weißes Tuch fallen und
verharrt in ihrer Pose. Den Blick gespannt aufs Blatt gerichtet.
Performance mit Farbspiegelungen
Janet mag die Arbeiten von Wientzkowski. "Vor allem seinen schnellen,
klaren Strich", sagt Janett, die selbst figürlich zeichnet und
eine Ausbildung als Porzellanmalerin in Meißen begonnen hat. Der
Pinsel fliegt über das Papier, hält in lebhaftem Schwung Haare,
Gesicht und Körper fest. Es dauert kaum fünf Minuten, dann ist
Jannetts Doppel-Bildnis, von der Seite und von vorn, fertig. Hinterher
wird es versteigert - eine Premiere für erotic-art-Galerist Volkmar
Fritzsche. Das Mindestgebot liegt bei 20 Euro. Doch die Kauf-Lust fällt
geringer aus als die Seh-Lust. Nur langsam klettert der Preis in die Höhe.
Bei 70 Euro fällt der Hammer.
"Wir sehen den Wert des Bildes vor allem darin, dass wir seine Entstehung
miterleben konnten", sagt ein Galeriebesucher, der das Blatt ersteigerte.
"Wir sind immer offen für neue Ideen", sagt Klaus Herrich
von der IG Königstraße, der er sich erstmals im Kunstkeller
umsah. Begeistert von der sinnlichen Körperperformance mit ihren
Farbspiegelungen, die Janett vorführte, wollte er diese gleich für
die 5. "Kunsttage auf der Königstraße" im Sommer
engagieren. "Das passt doch wunderbar an einen lauen Sommerabend
in unsere Innenhöfe und dazu sinnliche Düfte und Speisen",
sagt Klaus Herrich.
Von Lilli Vostry
Dresdener Zeitung - Kultur, vom 19.April 2002
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