Zum Grafik-Designer und Zeichner Norbert
Wientzkowski
Wenn man in Halle von "Nowi" spricht,
dann meint man Norbert Wientzkowski, Grafik-Designer, Zeichner, Katzenliebhaber
...
Obwohl er im Wesentlichen ein eher ruhiger
und fast zurückhaltender Zeitgenosse ist, kennen ihn und vor allem
einen bestimmten Teil seiner künstlerischen Arbeit über den
Kreis der Fachkollegen hinaus viele. Darunter auch so mancher, der sich
ansonsten der bildenden Kunst nicht näher verbunden fühlt. Das
wiederum liegt nun weniger daran, dass Norbert Wientzkowski seit 1966
als freischaffender Künstler in Halle wirkt, als vielmehr daran,
dass es von ihm seit wohl fast zwei Jahrzehnten Zeichnungen und Grafiken
gibt, die besonders den weiblichen Akt in vielerlei Variationen hochleben
lassen. Norbert Wientzkowski hat vieles davon bereits zu DDR-Zeiten gegen
manche prüde Ablehnung ausgestellt (dabei ist auch an den damaligen
Leiter der Galerie des Staatlichen Kunsthandels am Hansering in Halle,
Dieter Stockmann, zu denken, der sich ohne Vorbehalte und mit großem
öffentlichen Zuspruch in mehreren Sonderausstellungen der erotischen
Kunst angenommen hat). Inzwischen haben sich die Zeiten geändert.
Und - so denke ich - es hat sich ein fast normales Verhältnis der
großen Menge der Betrachter z.B. auch dieser Arbeiten von Norbert
Wientzkowski zu dem dargestellten "Gegenstand" nackte Frau oder
ebensolches Paar ergeben. Das liegt wohl im Wesentlichen darin begründet,
dass der Unterschied zwischen harter Pornografie und erotischer bildender
Kunst bewusster geworden ist, nicht mit einem unangemessenen Vereinfachen
fast jegliche Darstellung des nackten Menschen (und hier besonders des
weiblichen) pauschal als anstößig und "unzüchtig"
abgelehnt wird und sich diejenigen, die der Pornografie bedürfen
auf Grund des riesigen Angebots auf diesem Feld nicht mehr der das höchstens
in Ansätzen "leistende" bildenden Kunst als Ersatz für
an anderer Stelle nicht Erlaubtes oder Vorhandenes - wie doch weitgehend
in DDR-Zeiten - bedienen (müssen).
Doch für Norbert Wientzkowski war das
ganze Thema lange Zeit mehr im wahren Wortsinn eine Art Nebenschauplatz
und Neben-Betätigungsfeld, denn seine eigentliche Arbeit, die Geist,
Erfindungsreichtum und praktisch-künstlerische Gestaltungsfähikeit
forderte und herausforderte, war das Grafik-Design. Hierfür hatte
er seine Ausbildung erfahren, und hiermit verdiente er über Jahrzehnte
seinen Lebensunterhalt. Der Grafik-Designer wird nicht vordergründig
an seiner Individualität gemessen, sondern vor allem an der Beherrschung
des Handwerklichen, an dem auf Grundlage eines Auftrages mit meist relativ
festen Vorgaben zustande gekommenen überzeugenden gebrauchsgrafischen
Ergebnis. Norbert Wientzkowski hat sich ganz in diesem Sinne immer als
"Diener am Werk" gefühlt, der seinen freien Zeichenfreuden
und phantasievollen künstlerischen "Spielereien" sozusagen
als Hobby, als Freizeit-Vergnügen, als ihn selbst - und bald auch
andere - erfreuende und lockernde Übungen betrieben hat. So entstanden
auf dem Hauptarbeitsfeld im Laufe der Zeit eine Vielzahl von Plakaten,
Signets für Firmen und Institutionen, ganze Geschäftsausstattungen,
Verpackungen, Broschüren, Werbeschriften u. a. Eine kleine Auswahl
davon besonders auch jüngerer Arbeiten, ist stellvertretend für
die Fülle des Entstandenden in dieser Publikationen abgebildet. Selbst
bei dieser Auswahl ist Norbert Wientzkowskis Doppelbegabung ersichtlich
- der sich dem Thema und damit dem Auftrag unterordnende Sinn für
überzeugende werbewirksame ins Auge fallende Idee und Gestaltung
(Gebrauchsgrafik) und die Fähigkeit zu phantasievollem freien Zeichnen.
Die Ergebnisse lassen erkennen, dass er bei allem Reiz, den es für
ihn haben muss, frei zu arbeiten, dem jeweilen Anliegen des Werbeauftrages
verpflichtet bleibt. Das spricht für Selbstdisziplin und ist wohl
letztlich bis zum heutigen Tag - auch wenn die Industrie als Auftrageber
im Vergleich zu DDR-Zeiten fast weggefallen ist und sich für ihn
selbst andere Prämissen ergeben haben - Hauptgrund für das Interesse
zahlreicher Partner an einer Zusammenarbeit mit dem Grafik-Designer Norbert
Wientzkowski. Dazu hat natürlich aber auch beigetragen, dass er in
den vergangenen Jahren - wie eigentlich jeder Gebrauchsgrafiker im östlichen
Deutschland, der "im Geschäft" bleiben wollte - sein Atelier
mit moderner Technik ausgestattet hat und zu Stiften, Lineal, Klebstoff
nun Computer, Laserdrucker und anderes gekommen sind.
Doch dann gibt es den anderen Bereich, den,
den Norbert Wientzkowski - wie schon erwähnt - ursprünglich,
eigentlich völlig nebenbei und als fast selbstbefriedigenden Luxus
betrieben hat: die freie Grafik, das freie Zeichnen. Gerade Zeichnen war
etwas, das Norbert Wientzkowski immer schon gern betrieb. Hatte er in
früherer Zeit bereits Steine mit erotischen Motiven und Szenen bemalt,
so war es Anfang der 80er Jahre der weibliche Akt, meist in freundlich
verführerischer Geste, der Norbert Wientzkowski zum Zeichnen verlockte.
Zunächst entstanden Rohrfeder-Zeichnungen, denen sich bald mehr zufällig
die Kaltnadel hinzugesellte. War es bei den Rohrfeder-Zeichnung bereits
das großzügig schnelle von der Linearität ausgehende Erfassen
in oft mittleren Formaten, das auch beim Betrachter das Gefühl von
Leichtigkeit und heiterer Bewegung aufkommen ließ, so ergab sich
für den Künstler Norbert Wientzkowski durch die Kaltnadelradierung
der Zwang zu noch sparsamerer Arbeit.
Mit der Selbstbeschränkung auf kleinere
Formate, traf er sehr schnell den Nerv der Grafiksammler und auch derjenigen,
die sich offen und mit Freude an diesen kleinen "Luststücken"
ergötzten. Bis zum heutigen Tage - also knapp 20 Jahre - entstanden
diese kleinformatigen heiteren Grafiken, die ohne künstlich übersteigerten
Anspruch zum einen, für das Bekenntnis des Künstlers zum erotischen
Sujet stehn und zum anderen gerade durch die leichte Sprödigkeit,
die der Kaltnadel eigen ist, zum Ansehen reizen. So wie der Kalender,
von dem noch zu sprechen sein wird, hängen diese Grafiken inzwischen
gerahmt und zum Vergnügen wohl in vielen Wohnungen nicht nur in seiner
Wahlheimat, der Stadt Halle. Auch der alljährlich stattfindende "Hallesche
Grafikmarkt" zeigt, dass diese Arbeiten Norbert Wientzkowskis großen
Zuspruch finden.
1982 kam dann als neue Technik für Norbert
Wientzkowski die Bleistiftzeichnung hinzu. Im Gegensatz zur Rohrfederzeichnung
und auch zur Kaltnadelradierung, die beide ihre direkte Wirkung auf den
Betrachter aus der Spontanität des Entstehens, aus dem allein von
der bewegten oft in einem Zuge aufs Papier gebrachten Linie und daher
auch ihre meist organisch wirkende harmonische erotische Ausstrahlung
beziehen, ist es hier die durchgearbeitete, sehr feingliedrige und bewusst
komponierte Zeichnung. Die Räumlichkeit, die in den anderen Techniken
für Norbert Wientzkowski mehr als malerische Andeutung vertreten
ist, wird hier zum wichtigen Teil der Komposition und oft genauso exakt
z.B. in der Perspektive ausgeführt wie die häufig überlängten
und raffiniert an- bzw. ausgezogenen Mädchen und Frauen, deren Hüllen
selbst immer mehr von ihren Reizen - gleich ob von vorn oder von hinten
- vorführen als verdecken. Es herrscht in diesem perfekt gearbeitet
scheinenden der Modezeichnung verwandten Arbeiten häufig eine distanzierende
Kühle. Aber damit erreicht Norbert Wientzkowski, wenn auch auf gänzlich
andere Weise als bei den lockeren Rohrfeder-Zeichnungen und den malerisch-linearen
kleinen erotischen Kaltnadelradierungen, genauso sein Publikum. Besonders
die Nachfrage nach dem vom Beginn an in einer Auflage von 800 Exemplaren
erscheinenden Kalender Norbert Wientzkowskis ist dafür beispielsweise
klare Bestätigung. Nachdem - mehr als Experiment gedacht - vier derartige
Zeichnungen Norbert Wientzkowskis ins Internet gestellt worden waren,
verging nur kurze Zeit, bis sich bereits Käufer für diese auf
Grund ihres großen Aufwandes nicht ganz billigen Arbeiten bei Norbert
Wientzkowski meldeten. Der Kalender - übrigens bereits der zehnte
seiner Art - für das Jahr 2001 war Ende August 2000, obwohl er noch
gar nicht vorlag, schon so gut wie durch Vorbestellungen vollkommen verkauft.
Norbert Wientzkowski hat aber seinen Stolz, und so blieb die Auflage wie
bei den vorigen Kalendern bei 800 Exemplaren, alle signiert.
Seit nunmehr drei Jahren hat sich Norbert
Wientzkowski zu den schon geübten Techniken die wohl der Rohrfederzeichnung
noch am nächsten verwandte Pinselzeichnung auserkoren. Hier kommt
zu dem Schwung der Linie verstärkt ein wenig das Flächige und
damit auch das Malerische zum Tragen. Es ist so, als ob Norbert Wientzkowski
zum Ausgleich für das Akribische, den hohen zeitlichen Aufwand und
die Kühle der Bleistiftzeichnungen die Lockerheit und Leichtigkeit
des schnellen Bildes zum Einfangen des Momentes, der Atmosphäre in
Rohrfeder- und Pinselzeichnungen bräuchte. Dass er über die
leichte Farbigkeit, die er sich z.B. durch Weißhöhung und getönte
Papiere bei den Pinselzeichnungen gönnt, auch mit der Farbe sehr
bewusst umzugehen vermag, zeigt sich nicht nur in seinen gebrauchsgrafischen
Arbeiten, sondern auch in seinen Experimenten mit Airbrush, einer Technik,
die im Verfahren bedingt zu großer Homogenität der farbigen
Flächen und faszinierenden Kontrasten führt. Dass auch hier
erotische Assoziationen in Form von Phantasiefrüchten seine Gestaltung
bestimmen, dürfte kaum verwundern...
Norbert Wientzkowski hält sich für
das Experiment offen. So wie die Pinselzeichnung erst seit wenigen Jahren
dazu gekommen ist, betreibt er Airbrush auch erst seit 1993, mehr zufällig
probiert im Zusammenhang mit einer Personal-Ausstellung in einer halleschen
Bank. Vorher war diese Technik für ihn uninteressant, denn erst zu diesem Zeitpunkt standen ihm die richtigen
Spritzpistolen und die in der Konsistenz dazu passenden Farben zur Verfügung.
Übrigens gibt es noch etwas, was sich Norbert Wientzkowski ausgedacht
hat: Seit einiger Zeit bemalt und bezeichnet er Fliesen und brennt diese
Fliesen selbst. Gerahmte Fliesen finden genauso wie seine Kaltnadelradierungen
inzwischen großen Absatz und stehen eben auch für das Spiel,
das ihm diese Art Kunst bedeutet. Eine Nebenbemerkung, weil diese Frage
wohl öfter die Betrachter seiner zahllosen Blätter mit den vielen
schönen Frauen bewegt: Probleme, Modelle für seine Arbeit zu
finden, also Aktmodelle, hatte Norbert Wientzkowski zu keiner Zeit. Mädchen
und Frauen, die gezeichnet werden wollten bzw. wollen gibt es viele. Norbert
Wientzkowski: "Frauen sind oft exhibitionistisch veranlagt, manche
möchten sich sehr gern nackt zeichnen lassen." Und das ist durchaus
gut - auch für den Betrachter der Kunst Norbert Wientzkowkis. Denn
so ist wohl noch manches lockere Blatt und mancher hübsche Akt auch
in Zukunft von ihm zu erwarten.
Das Bekenntnis zur heiteren und verspielten
Seite der Kunst und zum Sinnlichen ist bei allem Tiefschürfenden
und berechtigt die Ängste und Bedrückungen des Menschen Spiegelnden
heute wohl dringender denn je nötig. Das gilt umso mehr, wenn man
die Menge an Belanglosem und Beliebigem sowie auch an gedanklich Überfrachtetem
gegenwärtiger Kunst betrachtet. Und genau zu diesem Heiteren und Verspielten leistet Norbert Wientzkowski einen akzeptablen und mit großer Zustimmung aufgenommenen Beitrag.
Halle, im August 2000
Hans-Georg Sehrt zur Publikation Norbert Wientzkowski
- Grafik-Design; Druckgrafik und Zeichnungen. Erschienen anlässlich
der Ausstellung des Halleschen Kunstverein e.V. in der Foyer-Galerie des
Opernhauses Halle vom 21. Oktober bis 26. November 2000.
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